Unsicherheit

1. Zukünftedefinition

Unsicherheit ist eine unvermeidbare Eigenschaft komplexer, antizipatorischer, sozioökonomischer Systeme, die in der Arbeit mit Zukünften üblicherweise betrachtet werden. In unsicheren Kontexten kann man zukünftige Entwicklungen nicht vollständig kennen, vorhersehen oder kontrollieren. Unsicherheit wird daher oft als unangenehmer Zustand gesehen. Im Zukünftefeld liegt der Fokus eher darauf, dass sie eine notwendige Voraussetzung für Emergenz, Neues und Innovation ist. Der Umgang mit Unsicherheit erfordert besondere Kompetenzen und Methoden.

2. Allgemeine Definitionen

Im Allgemeinen bezeichnet Unsicherheit „einen bewusst wahrgenommenen Mangel an Sicherheit“ (Wikipedia Deutsch, o. J.-c), weil Informationen nur unvollständig vorhanden sind. In solchen Situationen ist es unmöglich, den aktuellen Zustand oder ein zukünftiges Ergebnis vollständig zu beschreiben. Die künftigen Entwicklungen sind nicht festgelegt oder vorbestimmt.

In Situationen der Unsicherheit fehlen mehrere Eigenschaften. Beghetto (2020, S. 1691) betont, dass Unsicherheit ein gegenwärtiger Zustand des Nichtwissens ist, eine zukunftsorientierte Unfähigkeit, mit Sicherheit vorherzusagen, was in der Zukunft passieren wird, und ein potenzieller Mangel an Klarheit darüber, wie vergangene Ereignisse zu verstehen sind. Er ergänzt, dass Unsicherheit durch diesen Mangel an Klarheit, Kontrolle und Bestimmtheit tendenziell als unangenehmer Zustand angesehen wird, der schnell gelöst werden sollte. Positiv hebt er hervor, dass Unsicherheit ein Tor zum Möglichen ist.

3. Etymologie

Der Begriff Unsicherheit steht in offensichtlicher sprachlicher Verbindung zu Sicherheit, was wiederum auf dem lateinischen sēcūrus basiert, also sorglos: sēd (ohne) + cūra (Sorge) (Wikipedia Deutsch, o. J.-b). Gefahren sind entweder nicht vorhanden oder man fürchtet sich nicht vor ihnen. Sicherheit steht also in Verbindung mit der Freiheit vor Angst, Furcht oder Zweifel. Diese Interpretation von Sicherheit bezieht das subjektive Gefühl eines Individuums mit ein.

Das englische uncertain stammt vom Lateinischen incertus, was laut Georges (o. J.-b) ungewiss, unbestimmt oder unzuverlässig bedeutet. Interessant und passend zur Zukünftedefinition ist auch Georges zweite Bedeutung von incertus als „nicht völlig sichtbar, trübe, düster“. Mit dem Oxford Latin Dictionary (o. J.) sind Bezüge zu nicht festgelegt oder vorbestimmt, nicht im Voraus bekannt, unvorhersehbar, nicht spezifiziert oder entschieden, unsicher, oder zweifelhaft erkennbar, die alle gut zur Zukünftedefinition passen.

Das Gegenteil des englischen Adjektivs uncertain ist das positiv konnotierte certain, das aus dem Mittelenglischen certeyn stammt, welches wiederum aus dem Anglo-Französischen certein entlehnt wurde und auf das lateinische certus zurückgeht. Certus bedeutet entschieden, beschlossen, festgelegt, unzweifelhaft (Georges, o. J.-a).

4. Begriffsfeld

Synonyme für Unsicherheit sind Ungewissheit, Unwägbarkeit, Unentschiedenheit, Unberechenbarkeit, aber auch Gefahr, Zweifel und Unkenntnis (DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, o. J.-b). Beonders nah liegt die Ungewissheit, die unmittelbar mit dem Fehlen von vollständigem Wissen oder Kenntnis und mit dem englischen unknowable (unwissbar) verbunden ist. Im Zukünftefeld wird Unsicherheit besonders häufig verwendet, vermutlich weil sie etwas breiter ist als die Ungewissheit. In der relationalen Biologie wird der Begriff impredikativ (von Lat. prae-dicare, vorher benennen) verwendet, um ein System zu bezeichnen, das nicht vollständig beschrieben bzw. gewusst werden kann und komplex ist (Louie, 2019).

Zu unterscheiden ist die Unsicherheit vom Risiko: Risiko hat zwei mögliche Definitionen. Erstens bezieht sich Risiko auf eine Situation mit verschiedenen möglichen, bekannten Ergebnissen, für die Wahrscheinlichkeiten berechnet werden können. Ein Beispiel hierfür ist das Würfeln. Die zweite Definition bezieht sich auf die Möglichkeit eines negativen, schädlichen Ergebnisses im Gegensatz zu einer positiv konnotierten Chance (DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, o. J.-a). In der Wirtschaftswissenschaft unterscheidet Knightsche Unsicherheit zwischen dem messbaren Risiko und der eigentlichen Unsicherheit, die sich nicht durch eine Wahrscheinlichkeitsverteilung vorhersehen oder anderweitig berechnen lässt. (Wikipedia Deutsch, o. J.-a).

Ebenfalls unterscheidet sich Unsicherheit von der Ambiguität (ambi = zwei), bei der etwas nicht klar definiert ist und daher auf verschiedene Weise interpretiert werden kann.

Das Gegenteil von Unsicherheit ist Sicherheit oder Gewissheit, wie in der Etymologie beschrieben: feststehend, entschieden, (vor)bestimmt, eine unbestreitbar feststehende Tatsache oder Wahrheit, Klarheit und eindeutig.

Unsicherheit steht also in enger Verbindung mit Komplexität, da Unsicherheit ein inhärentes Merkmal komplexer adaptiver emergenter Systeme ist. Auch gibt es die Verbindung zu Emergenz, da es ohne Unsicherheit keine Emergenz geben kann. In der europäischen Aufklärung wurde der Bezug zwischen Unsicherheit und individueller Verantwortung herausgearbeitet, da menschliches Handeln die Zukunft bis zu einem gewissen Grad beeinflussen kann.

5. Theoretische Basis

Gemäß der Theorie der Antizipation besteht eine enge Verbindung zwischen Komplexität, Unbeschreibbarkeit, Unsicherheit und Unvollständigkeit des Wissens, auch wenn Unsicherheit kein zentraler Begriff in den Arbeiten von Robert Rosen, Aloisius Louie oder Mihai Nadin ist. Laut Lennox (2024, S. 139) ist Rosens Theorie der antizipatorischen Systeme eine qualitative Theorie. Die Vorhersagen, die die Modelle treffen, bieten keine quantitative Gewissheit über die Zukunft, nicht einmal probabilistisch. Poli (2019, S. 12) sieht das ähnlich. Für ihn bedeutet Komplexität, dass Unsicherheit unvermeidbar ist und ein Zugang über Kommando und Kontrolle nicht funktionieren kann.

In der Komplexitätstheorie verwendet Dave Snowden Unsicherheitsmatrizen mit „bekannt, erkennbar, unerkennbar“ auf der ontologischen Achse und „bekannt, unbekannt, unvorstellbar“ auf der epistemologischen Achse, um anschließend zu beschreiben, was in jeder der Kombinationen zu tun wäre (Snowden, 2024b). Im Handbook of Futures Studies kommt Snowden (2024a, S. 63) zu dem Schluss, dass wir einen Weg finden müssen, mit dem, was von Natur aus unsicher ist, umzugehen. Es sollen nicht nur Risiken minimiert, sondern auch Chancen genutzt werden, wenn sie sich bieten. Risiko interpretiert er hier als negatives Ergebnis.

Bekannte Komplexitätstheoretiker wie Stuart Kauffman (1995), Manuel DeLanda (2007) oder Robert E. Ulanowicz (2009) verwenden die Begriffe Sicherheit (certainty) oder Unsicherheit (uncertainty) hingegen nicht prominent. Ulanowicz (2009, S. 138) erwähnt ‚radikale Unsicherheit‘, jedoch nur in einem Zitat von Ilya Prigogine, um die inhärente Unvorhersehbarkeit und Komplexität sozialer Systeme zu beschreiben.

Die Neurowissenschaft geht davon aus, dass das Gehirn eine „Mustererkennungsmaschine“ ist, die ständig versucht, die nahe Zukunft vorherzusagen. Laut Rock (2008, S. 4) möchte das Gehirn gerne wissen, welche Muster sich wiederholen. Es sehnt sich nach Gewissheit, damit Vorhersagen möglich sind. Schon eine geringe Unsicherheit löst im orbitofrontalen Kortex eine Fehler-Reaktion aus. Die Empfehlung der Neurowissenschaft lautet daher: Unsicherheit reduzieren. Darum geht es in Zukünfteaktivitäten jedoch nicht. Hier wird davon ausgegangen, dass eine Reduktion von Unsicherheit grundsätzlich nicht möglich ist. Das erklärt, warum Teilnehmende solche zukunftsbezogene Interventionen oft als herausfordernd empfinden.

Zudem gibt es Parallelen zwischen Musik und Zukünfteinterventionen, da beide mit einfachen und mit komplexen Elementen arbeiten. Matthews et al. (2023, S. 1) zeigen, dass Musikgenuss von der Verletzung und der Bestätigung zeitlicher Vorhersagen abhängt. Der sogenannte Groove ist bei mäßig komplexen Rhythmen höher als bei einfachen oder sehr komplexen Rhythmen. Diese umgekehrte U-förmige Beziehung zwischen PLUMM [PLeasurable Urge to Move to Music, angenehmer Drang, sich zur Musik zu bewegen] und rhythmischer Komplexität resultiert laut Matthews et al. vermutlich aus einem Gleichgewicht zwischen Vorhersehbarkeit und Unsicherheit.

In der Pädagogik mit Schwerpunkt auf Design besteht ein wesentliches Merkmal der Bildung laut Osmond und Tovey (2015) darin, sich einer Schwelle der Unsicherheit im Design zu stellen. Wenn sie sich dieser Schwelle nähern, betreten die Studierenden einen liminalen Raum, der für kreative Disziplinen typisch ist.

Unsicherheit ist auch ein zentrales Element in der Soziologie mit Zygmunt Baumans Konzept der „flüchtigen Moderne“, die durch ständigen Wandel, Instabilität und die Erosion traditioneller Strukturen gekennzeichnet ist (Bauman, 2022). Fluidität und Wandel schaffen ein allgegenwärtiges Gefühl der Unsicherheit. Bauman stellt dies der „soliden“ Moderne gegenüber, die durch Struktur, Vorhersehbarkeit und stabile Institutionen gekennzeichnet war.

6. Praxis

Unsicherheit spielt in der Zukünftepraxis an vielen Stellen eine Rolle, auch weil Komplexität der Ausgangspunkt für die Gestaltung von Zukünfteinterventionen ist. Angesichts des Zusammenhangs zwischen Unsicherheit und negativen Gefühlen wie Angst und Unbehagen, insbesondere bei Teilnehmenden mit einem hohen Bedürfnis nach Geschlossenheit, sollte die Gefahr des Unwohlseins gegenüber den Veranstaltern und den Teilnehmenden transparent gemacht werden, auch indem die Vorteile klar dargestellt werden. Die negative Beziehung zwischen Unsicherheit und Sicherheit zeigt, wie wichtig es ist, diese Elemente und Bedürfnisse bei der Gestaltung von „sicheren Räumen” für das Experimentieren mit Unsicherheit zu berücksichtigen. Gewissheit und Klarheit können in Zukünftaktovitäten nicht erzeugt werden. Unsicherheit kann anerkannt, akzeptiert, geschätzt oder toleriert werden. Sie kann nicht vermieden oder reduziert werden. Zukünftebildung ist die Kompetenz, zu wissen, wann man sich mit der Zukunft auf welche Weise auseinandersetzen sollte und das mit der entsprechenden Haltung auch zu können.

Im Vorwort zu Transforming the Future (Miller, 2018, S. xxi) wird betont, dass es bei der Zukünftearbeit darum geht, zu erforschen, wie die Menschheit besser mit der Unsicherheit und Kreativität eines komplexen, sich entwickelnden Universums leben kann. Miller (2018, S. 103) fügt hinzu, dass Komplexitätsdenken die Erlaubnis gibt, Unsicherheit anzunehmen, offen für Emergenz zu sein, zu jedem Zeitpunkt, sogar jetzt gerade. Für ihn ist die Stärkung von Zukünftebildung (Futures Literacy) eine Möglichkeit, Unsicherheit von einer Bedrohung in einen Vorteil, von einer zerstörerischen Kraft in eine Quelle der Bedeutung zu verwandeln (2018, S. 108). Auf der Grundlage ihrer Praxis laden Cagnin und Garrido in Miller (2018, S. 109) die Lesenden dazu ein, Komplexität anzunehmen und Unsicherheit als Ressource für die Erforschung neuer Möglichkeiten zu betrachten.

Die Komplexitäts- und Unsicherheitskompetenz (Bergheim, 2025) kann durch Zukünfteinterventionen gesteigert werden, indem zunächst das Verständnis der Teilnehmenden dafür gefördert wird, dass Komplexität und Unsicherheit inhärente Merkmale des Lebens sind, und dann geübt wird, wie man mit ihnen umgeht.

Terminologe: Stefan Bergheim

Dieser deutsche Eintrag wurde von demselben Terminologen erstellt, der auch den englischen Eintrag verfasst hat. Für einige Abschnitte wurde DeepL zur Unterstützung eingesetzt. Das Ergebnis wurde aber immer vom menschlichen Terminologen überarbeitet, der die volle Verantwortung für die Qualität dieses Eintrags trägt.

Literaturverzeichnis

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Bergheim, S. (2025). Über die Kompetenz der Zukünftebildung. In „Es wird einmal …“ Wissen schaffen – Zukünfte erzählen. https://www.studienverlag.at/produkt/6407/es-wird-einmal/

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