Annahme
1. Zukünftedefinition
Annahmen sind implizite oder explizite Ideen, die als selbstverständlich gelten. Als Bausteine der Modelle oder Rahmen, die Menschen bei der Betrachtung eines Themas heranziehen, beeinflussen sie unsere Wahrnehmung und das Handeln in der Gegenwart. Annahmen über die Zukunft werden üblicherweise als antizipatorische Annahmen bezeichnet. Diese Annahmen können imaginiert sein, auch wenn sie in den impliziten oder expliziten Vorstellungen der Vergangenheit und der Gegenwart verwurzelt sind. Sie sind wichtige Untersuchungsgegenstände im Zukünftefeld.
2. Allgemeine Definitionen
Der Begriff Annahme wird im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet, wenn wir eine Vorstellung von etwas haben, die jedoch noch nicht auf belegtem Wissen beruht. Dann wird zum Beispiel gesagt: „Ich nehme an, dass der Sachverhalt X so und so ist.“ Das unterscheidet sich kaum von der Zukünftedefinition.
Nicht zu verwechseln ist diese Verwendung des Begriffs mit der Annahme zum Beispiel eines Pakets, einer Gewohnheit oder eines Balls beim Fußball.
Im Zukünftefeld werden Definitionen aus der Mathematik und der Logik verwendet. Eine stillschweigende oder implizite Annahme ist etwas, das einer logischen Argumentation oder Entscheidung zugrunde liegt, was aber vom Entscheidungsträger weder ausdrücklich geäußert noch notwendigerweise verstanden wird (Wikipedia English, n. d.).
In den Sozialwissenschaften sind Annahmen allgegenwärtig. Die SAGE Encyclopaedia of Social Science Research (Beck, Bryman & Futing Liao, 2004) Annahmen als die Ausgangsaxiome und Postulate, die überprüfbare Implikationen ergeben. Insbesondere in der wissenschaftlichen Theorie werden Annahmen als Kern angesehen, der das verkörpert, was Popper (1963) als ‚Vermutungen‘ über die Natur bezeichnet. Es sind Vermutungen, die nach Newtons Vorstellung durch die Überprüfung ihrer logischen Implikationen zu testen sind (Beck et al., 2004).
In der Wissenschaftsphilosophie stehen Annahmen in engem Zusammenhang mit Ansichten und Positionen über die Realität, darüber, was und wie erkannt werden kann, sowie über Werturteile, die als gemeinsame Überzeugungen innerhalb eines bestimmten Paradigmas ausgedrückt werden können. Annahmen können sich auch auf die Rahmenbedingungen der Wissensgewinnung oder auf die Kernstrukturen und grundlegenden Elemente des logischen Denkens beziehen, die zu Schlussfolgerungen und Ergebnissen führen.
3. Etymology
Im Deutschen ist die Bedeutung von Annahme einfach: Jemand nimmt etwas an. Das Nehmen ist auch Kern des englischen assumption. Es stammt vom lateinischen assumere oder assūmō ab. Hier werden ad (zu, hin zu, bei) und sūmere bzw. sūmō (nehmen) verbunden. Etwas wird in Richtung von etwas genommen.
4. Begriffsfeld
Es gibt mehrere Synonyme für Annahme, insbesondere in der Mathematik und der Logik. Dazu gehört aus dem Griechischen das Axiom, also ein „Satz, der keines Beweises bedarf, sondern als Grundlage willentlich akzeptiert oder gesetzt wird“ (Wikipedia Deutsch, n. d.-a). Der Begriff Axiom wird in der relationalen Biologie von Robert Rosen häufig verwendet. Zudem gibt es aus dem Lateinischen das Postulat (postulātum, etwas Unabdingbares (Duden, n. d.)), und die Prämisse (praemissio, das Vorausgeschickte (Wiktionary Deutsch, n. d.-a)). Von den genannten Begriffen scheint Annahme am leichtesten verständlich zu sein und wird daher im Zukünftefeld häufig verwendet.
In der Mathematik und Logik werden verwandte Begriffe verwendet, die sich jedoch von der Annahme unterscheiden. Eine Proposition ist eine schwächere, allgemeinere Aussage oder ein Vorschlag (Wiktionary Deutsch, n. d.-b). Eine Vermutung ist ebenfalls schwächer als die Annahme: eine ungesicherte Erkenntnis oder Spekulation (DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, n. d.-a). Im Gegensatz dazu ist ein Theorem eine Aussage, die bereits bewiesen wurde, und ist somit stärker als eine Annahme. Fakten gelten aufgrund von Messungen oder wiederholten Beobachtungen als wahr. Wahrscheinlichkeiten deuten auf quantifizierbare Ergebnisse hin, die auf der Grundlage von Daten berechnet werden können, was sie von Annahmen unterscheidet.
Ein weiterer verwandter Begriff ist die Hypothese (vom griechischen hypóthesis, Unterstellung), eine „Behauptung ohne Beleg“ bzw. eine „unbewiesene (wissenschaftliche) Annahme, die noch eines Beweises bedarf“ (Wiktionary Deutsch, n. d.-c). Solche Hypothesen sind oft kausaler wenn-dann-Natur, die durch wiederholte Beobachtungen überprüfbar ist. In komplexen Systemen, die in den meisten Zukunftsprojekten untersucht werden, sind reproduzierbare Tests jedoch in der Regel nicht durchführbar.
Der Begriff Glaube bezieht sich in erster Linie auf die subjektive Haltung, die man gegenüber einer Aussage einnimmt, die man über einen Kommunikationskanal erhalten hat. Es geht um das „auf einer inneren Überzeugung beruhende Fürwahrhalten von Dingen, Erscheinungen, die objektiv nicht bewiesen sind“ (DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, n. d.-b). Glauben kann unterschiedliche Intensitäten haben, während Annahmen einen binären Ja-Nein-Charakter besitzen.
Eine Beurteilung ist ein „Werturteil über einen Sachverhalt, über Situationen oder Eigenschaften, Objekte oder über eine Person“ entlang einer jeweils passenden Skala (Wikipedia Deutsch, n. d.-b).
Da die Zukunft nicht existiert und man sie sich nur vorstellen kann, sind Annahmen, die sich auf eine Zeit nach der Gegenwart beziehen, eng mit der Imagination bzw. der Vorstellung verbunden. Antizipatorische Annahmen beeinflussen die vorherrschenden gesellschaftlichen Zukunftsbilder und werden ihrerseits von diesen beeinflusst. Solche kollektiven Bilder prägen die Wahrnehmung und bestimmen die kollektive und individuelle Vorstellungskraft sowie das Handeln in der Gegenwart.
5. Theoretische Basis
Annahmen sind ein wichtiges Element der Logik. Laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy konzentriert sich die informelle Logik auf Methoden zum Verständnis und zur Verbesserung des Denkens und der Argumentation in realen Kontexten wie dem öffentlichen Diskurs, der Bildung und dem intellektuellen Austausch, einschließlich des interdisziplinären Dialogs und Metalogs, zwischenmenschlicher Beziehungen und anderer Bereiche (Groarke, 2026). Michael Scriven, ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet der Logik, sieht die Formulierung unausgesprochener Annahmen als Voraussetzung für die Analyse und Rekonstruktion einer Argumentation und betont, dass der schwierigste Teil der Arbeit die faire und klare Formulierung der ‚fehlenden Prämissen‘ ist, d. h. der unausgesprochenen Annahmen (Scriven, 1976).
Ennis (1982) unterscheidet zwischen zwei Arten impliziter Annahmen, nämlich ‚verwendeten Annahmen‘ und ‚erforderlichen Annahmen‘. Manchmal sind implizite Annahmen Aussagen, die erforderlich sind, um die Schlussfolgerung zu stützen, das Argument stichhaltig zu machen, eine Position rational zu begründen usw. Andererseits sind sie manchmal unausgesprochene Gründe, die eine Person tatsächlich bewusst (oder unbewusst, wenn man an unbewusste Gründe glaubt) als Grundlage für ein Argument oder eine Handlung verwendet hat (Ennis, 1982, S. 63).
Der Ökonom Jean Tirole betont ebenfalls die allgegenwärtige Rolle von Annahmen und deren Einfluss auf Wahrnehmung und Entscheidungsfindung: Jede wissenschaftliche Disziplin, jede Theorie, ob formal oder informell, beruht auf Annahmen. Diese Annahmen sind von Bedeutung und beeinflussen im Falle der Sozialwissenschaften unsere Sicht auf die Gesellschaft und unsere politischen Empfehlungen (Tirole, 2019, S. 1). Er kommt zu dem Schluss, dass der Prozess der Explizierung von Annahmen von entscheidender Bedeutung ist. So können wir erkennen, ob diese Annahmen lediglich der analytischen Übersichtlichkeit dienen oder ob sie im Gegenteil genau jene Schlussfolgerungen vorgeben, die wir hervorheben wollen. Durch die klare Formulierung unserer Annahmen können andere diese übernehmen, ablehnen oder Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Dies ist Teil der wissenschaftlichen Methode (Tirole, 2019, S. 12). Die explizite Formulierung von Annahmen ist (oder sollte) daher Teil der Arbeit mit Zukünften sein.
Die Theorie der Antizipation wird von immer mehr Zukunftsforschenden als theoretische Grundlage genutzt. Demnach umfasst die Zukunftsforschung die Untersuchung von antizipatorischen Systemen und Prozessen sowie der Modelle, mit denen diese dargestellt werden. Die theoretische Grundlage liegt in den Ideen der relationalen Biologie, wie sie von Rashevsky, Rosen (2012), Louie (2020) und anderen entwickelt wurden. Diesen Wissenschaftlern zufolge enthalten antizipatorische Systeme interne Vorhersagemodelle von sich selbst und ihrer Umgebung. Durch Kodierung und Dekodierung lässt sich eine Beziehung zwischen dem natürlichen System und einem formalen System oder Modell herstellen. Laut Rosen ist ein Modell eine Kodierung von Eigenschaften oder Beobachtungsgrößen eines natürlichen Systems in formale mathematische Objekte (Rosen, 2012, p. 261). Louie definiert ein Modell als eine vereinfachte Beschreibung eines Systems, die als Grundlage für das theoretische Verständnis dient; eine konzeptuelle oder mentale Darstellung einer Sache; ein Analogon, das zwar eine andere Struktur aufweist als das betreffende System, aber eine Reihe wichtiger funktionaler Eigenschaften mit diesem teilt (Louie, 2020, S. 5). In der Zukunftsforschung ist die Modellbildung, insbesondere durch Vereinfachungen, Darstellungen oder Systemanalogien, von großer Bedeutung.
Annahmen dienen als Bausteine von Modellen. Sie ermöglichen es, den Fokus auf ausgewählte Aspekte der Realität zu richten und sind mit dem Anwendungsbereich des Modells verknüpft. Die Modellierung ist durch die Wahl geeigneter Variablen und Zuordnungen eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Ein Modell ist immer unvollständig und nicht in der Lage, das komplexe System, das es erfassen und besser verstehen soll, vollständig zu beschreiben. In der Zukunftsforschung sollte das Modell, das Individuen von der Zukunft haben, mit einem System von Annahmen übereinstimmen. Diese Annahmen ermöglichen wiederum eine Beschreibung des Modells.
6. Praxis
In der Arbeit mit Zukünften können Zukunftsbilder als Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit Annahmen dienen. Die zugrunde liegenden Annahmen prägen unsere Beziehung zur Zukunft sowie die Prozesse und Ergebnisse der Zukunftsprojekte, wie Prognosen, Pläne, das Erkennen von Signalen, Trendanalysen, Szenarien und Visionen. Das Aufdecken, Verdeutlichen, Analysieren, Hinterfragen und Umdeuten von Annahmen, die Organisationen, Gruppen oder Einzelpersonen über relevante Systemelemente und die Beziehungen bestimmter Systeme haben, sind wesentliche Bestandteile der Zukünftearbeit.
Die Umwandlung impliziter in explizite Annahmen legt die Modelle, Denkrahmen oder Denkschablonen offen, die Menschen beispielsweise in Bezug auf das Thema Arbeit, ein Unternehmen, Bildungssysteme oder sich selbst haben. Da verschiedene Menschen unterschiedliche Annahmen und Modelle haben können, ist es wichtig, diese offenzulegen und zu erkennen. Der Vergleich dieser Annahmen und Modelle zwischen verschiedenen Menschen kann zu einer größeren Vielfalt an Annahmen und reichhaltigeren Modellen führen.
In einem nächsten Schritt können diese Modelle dann für Vorhersagen und Steuerungszwecke genutzt werden, wie es in der relationalen Biologie beschrieben wird. Darüber hinaus – und das ist vielleicht noch wichtiger – sind Menschen in der Lage, ihre Annahmen zu variieren und neue Modelle zu entwickeln, um aus den bestehenden Denkschablonen auszubrechen und Zukunftsbilder zu erkunden, die über das hinausgehen, was als wahrscheinlich und wünschenswert gilt. So können sie Neues wahrnehmen und verstehen.
Das Futures Literacy Framework (Miller, 2018, S. 23) bietet einen Analyserahmen zur Einordnung verschiedener Arten von antizipatorischen Annahmen, je nachdem, welche Art von Zukunft im Fokus steht und wie diese Zukunft untersucht wird: Prognosen und Schicksal beziehen sich auf Annahmen in geschlossenen Systemen; kreative Reform und Selbstverbesserung in halboffenen Systemen mit Schwerpunkt auf Planung sowie strategisches Denken und Weisheit in halboffenen Systemen mit Schwerpunkt auf Emergenz.
Bergheim (2023) fasst 500 Annahmen, die in tatsächlichen Zukünfteprozessen sichtbar wurden, in achtzehn Kategorien zusammen, die Annahmen über den Zweck eines Zukunftsprozesses, über die menschliche Natur, die Tiefe des untersuchten Themas, die Verbindungen zu benachbarten Themen, Hindernisse für Veränderungen, Bedingungen für Veränderungen, erforderliche Fähigkeiten, geltende Regeln, relevante Lösungen, Zielkonflikte, Akteure und Ressourcen umfassen.
In der Praxis können Annahmen nicht direkt beobachtet werden und bleiben oft außerhalb der bewussten Reflexion. Die Zukunftsforschung bietet aber eine breite Palette von Methoden, um Annahmen aufzudecken und zu kategorisieren. In einem Zukünftelabor besteht beispielsweise ein Zwischenschritt zur Aufdeckung von Annahmen darin, die Teilnehmenden zu bitten, ihre Vorstellungen von wahrscheinlichen und wünschenswerten Zukünften zu einem bestimmten Thema zu schildern. Die Teilnehmenden neigen dazu, offener zu sein und Ideen auszutauschen – einschließlich ihrer Hoffnungen und Ängste –, wenn sie gebeten werden, sich ein Thema zu einem späteren Zeitpunkt vorzustellen.
Sobald diese Zukunftsbilder aufgedeckt wurden, können die Teilnehmenden deren tiefere Bedeutungen ergründen und untersuchen, woher diese Bilder in der Vergangenheit stammen könnten oder warum sie ein bestimmtes Bild oder Modell beschreiben. Diese Erkundungen können zu neuen und tieferen Einblicken führen. Zudem kann über das Experiment mit alternativen Annahmen die Vorstellungskraft trainiert werden und es können neue Ideen entstehen.
Terminologe: Stefan Bergheim (Englisch mit Irianna Lianaki Dedouli)
Dieser deutsche Eintrag wurde von demselben Terminologen erstellt, der auch den englischen Eintrag mit verfasst hat. Für einige Abschnitte wurde DeepL zur Unterstützung eingesetzt. Das Ergebnis wurde aber immer vom menschlichen Terminologen überarbeitet, der die volle Verantwortung für die Qualität dieses Eintrags trägt.
Literaturverzeichnis
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