Verantwortung
1. Zukünftedefinition
Verantwortung ist eine Haltung, die implizit oder explizit mit Zukunft zusammenhängt. Handlungen in der Gegenwart haben Konsequenzen in der Zukunft, die zu berücksichtigen sind. So haben Aussagen über Verantwortung immer einen Bezug zur Zukunft. Verantwortung kann beispielsweise gegenüber sich selbst, Bezugspersonen, Beteiligten oder Personen, die nicht im Raum sind, vorhanden sein. Jemand trägt die Verantwortung für etwas gegenüber jemandem oder etwas.
2. Allgemeine Definitionen
Verantwortung ist eine Haltung oder eine Qualität, die jemand besitzt oder ausbilden kann. Dazu gehört die Fähigkeit, einer Erwartung oder Pflicht nachzukommen; zu tun, was verlangt, gefragt oder gefordert wird. Die betroffene Person ist verantwortlich, wird verantwortlich gemacht oder ist in der Lage, eine moralische, rechtliche oder mentale Verantwortung gegenüber etwas oder jemandem zu übernehmen (Merriam-Webster, o.J.).
Jemand kann danach gefragt werden, die Verantwortung zu übernehmen. Auch kann Verantwortung übergeben oder akzeptiert werden. Menschen können verantwortlich sein, sich verantwortlich fühlen oder Verantwortung anvertraut bekommen (The Britannica Dictionary, o. J.-b). In jedem Fall gibt es eine Verantwortung von jemandem für etwas gegenüber jemandem. Im Begriff Ver-antwort-ung steckt die Antwort, also das Antworten oder in der Lage sein, eine Antwort oder Reaktion zu geben. Schwierig wird es bei der Frage nach der Verantwortung für konkrete, zurechenbare Handlungen oder die Folgen solcher Handlungen, da hier verschiedene Einflüsse eine Auswirkung haben können.
Verantwortungen in bestimmten Berufsfeldern oder Sektoren, wie beispielsweise im Journalismus, Recht, Rechnungs- und Wirtschaftsprüfung oder der Zukunftsforschung, können in ethischen Richtlinien zusammengefasst werden. Die Konzepte von gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility) oder verantwortungsbewusster Managementausbildung (Responsible Management Education) sind zwei Beispiele für klare Definition von Verantwortungen und Verantwortlichkeiten der Beteiligten. Im Fall von gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung müssen Unternehmen die sozialen und ökonomischen Einflüsse ihrer Handlungen berücksichtigen. Im Fall von verantwortungsbewusster Managementausbildung sind Wirtschaftshochschulen verantwortlich für die Ausbildung von Menschen, die ihren Organisationen dabei helfen, inklusiven Wohlstand zu schaffen und gleichzeitig Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden innerhalb regenerativer und resilienter natürlicher Ökosysteme zu fördern (Principles for Responsible Management Education, 2023).
Für das Feld der Zukünfteforschung schlug Wendell Bell (1993) vor, einen Kodex der Berufsethik für Futuristen zu entwickeln, der die Verantwortungen von Futuristen gegenüber verschiedenen Interessengruppen für unterschiedliche Zwecke beinhaltet. Ein paar Jahre später implizierte Slaughter, dass Verantwortung eine große Rolle spielt, da anspruchsvolle Arbeit in der Zukünftebildung nicht auf Ego basieren kann und Ausdruck gemeinsamer transpersonaler Bestrebungen sein muss sowie produktive ‚Geistesräume’ öffnen sollte (1997, S. 845).
3. Etymologie
Betrachtet man den Kern des Wortes Antwort ahd. antwurti (8. Jh.) mit dem Präfix ant- '(ent)gegen', steckt in der Antwort die Gegenrede. Im Begriff verbirgt sich die Handlung jemandem etwas zu entgegnen oder auf etwas oder jemanden zu reagieren. Die Antwort oder auch das Verantworten ist über verschiedene Formen im Altenglischen (andswaru) sowie Dänischen und Schwedischen (svar) mit dem Wort schwören verwandt. Ursprünglich (17. Jh.) bedeutete verantwortlich sein ‘was sich verteidigen lässt’. Hier gibt es eine Verbindung zum passiven unverantwortlich im Sinne von ‘nicht zu verteidigen’. Erst später (18. Jh.) kam die aktive Bedeutung hinzu, in der für etwas oder jemanden Verantwortung übernommen oder für etwas eingestanden wird (DWDS, o. J.-a).
Die Wortbildung mit dem Präfix ver- brachte im 12. Jahrhundert das Wort verantworten (mhd. *verantwürten, ‘*sich als Angeklagter vor Gericht verteidigen’) hervor. Dies wird als Übersetzung des lateinischen respondere 'Antwort geben' aus der römischen Rechtssprache gesehen, was wiederum Ursprung des englischen responsibility ist. Dann, im 15. Jahrhundert zuerst nachgewiesen, entstand das Substantiv Verantwortung (Wikipedia, o. J.-a).
4. Begriffsfeld
Wie in der Etymologie erwähnt, beschreibt das Gegenstück zu Verantwortung, also die Verantwortungslosigkeit oder das Adjektiv unverantwortlich oder verantwortungslos etwas, was sich ‘nicht verteidigen lässt’. Gemeint ist mit diesen Gegenstücken also nicht die Abwesenheit von Verantwortung, sondern eine Haltung, die eben nicht die Bereitschaft spiegelt, für die eigenen Handlungen einzustehen.
Synonyme von Verantwortung sind Pflicht, Pflichtbewusstsein oder -gefühl, Moral, Ethik und Haftbarkeit (Duden, o.J.). Während das etymologisch verwandte Schwören ursprünglich einen vor Gericht abgelegten Eid oder eine gerichtliche Aussage meinte (DWDS, o.J.-b), beschreibt der Begriff Pflicht zwar auch eine Verbindlichkeit, geht allerdings auch in Richtung des ‘sich beteiligen’ oder ‘in verbindliche Gemeinschaft setzen’ (DWDS, o.J.-c). Im umliegenden Begriffsfeld zeigen sich ähnlich zum Verantwortungsbegriff moralische, rechtliche oder mentale Deutungszusammenhänge.
5. Theoretische Basis
Verantwortung ist tief in der Philosophie verwurzelt und Thema vieler Disziplinen. Der Kategorische Imperativ von Kant (1785) empfiehlt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Wikipedia Deutsch o.J.-b). Die Idee, dass zum verantwortungsbewussten Handeln auch Freiheit und weitere Handlungsmöglichkeiten gehören, wurde von Harry Frankfurt (1969) durch sein “Prinzip der alternativen Möglichkeiten” beschrieben. Verantwortung kann demnach nur an Personen übertragen werden, die sich anders verhalten könnten.
Schmidt (2021) fasst ihre Perspektive wie folgt zusammen: „Verantwortung ist eine immer wieder im Handeln zu verwirklichende Praxis, die aus dem tief empfundenen Bedürfnis der Menschen entsteht, eine Antwort zu geben und sich am Guten auszurichten – auf eine Zukunft gerichtet, die nichts für uns tun muss, damit wir uns um sie sorgen sollten.”
Hans Jonas (1979) beleuchtet in seinem Buch Das Prinzip Verantwortung als einer der Ersten die Idee von menschlicher Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen und der Natur.
Verantwortung hat in der Regel eine zeitliche Dimension. Jemand verpflichtet sich heute für etwas, das möglicherweise erst später stattfindet, erkannt oder realisiert wird. Der Zukunftsforscher Wendell Bell schreibt, dass alles ethische Denken notwendigerweise ein Nachdenken über die Zukunft beinhaltet, wie beispielsweise bei der Betrachtung von Konsequenzen, die in der Zukunft zu einem späteren Zeitpunkt als die Handlung eintreten (1997, S. 59). In komplexen, adaptiven Systemen gibt es allerdings immer eine Unsicherheit über das, was in Zukunft passieren wird. Wir versuchen möglicherweise verantwortungsbewusst zu handeln oder so, dass die Handlung normativ als ethisch betrachtet werden kann, aber wir können nicht sicher sein. Bei der Betrachtung der relationalen Perspektive auf Existenz bezieht sich Tuomi (2018, S. 20) auf Bakhtins Frage: Was ist Handeln, Handlungsfähigkeit und Verantwortung in einer Welt, in der die Zukunft nicht vom Subjekt oder seiner Umgebung bestimmt wird, sondern Elemente derselben dialogischen Beziehung darstellt?.
Gleichzeitig schlägt Fuller vor, dass Verantwortung für etwas und/oder gegenüber anderen Wesen ist (2024, S. 259). So umfasst der Begriff der verantwortungsbewussten Zukünfte (responsible futures) die ethischen Qualitäten einer Handlung in Bezug auf etwas oder jemanden mit Auswirkungen auf die Zukunft. Allgemein kann auch ein zukünftiger Zustand gemeint sein, in dem das normative und reguläre Verhalten einer Person ‚ethisch‘ ist und die Verpflichtung gegenüber anderen Wesen spiegelt.
In komplexen Systemen können wir nicht sicher über die Ereignisse in der Zukunft sein. Daher müssen wir uns auf unsere Imagination verlassen. Das Buch von Adam Smith The Theory of Moral Sentiments (1759) beinhaltet das Konzept der moral imagination, die als mentale Kapazität beschrieben wird, Ideen, Bilder und Metaphern zu schaffen oder zu verwenden, die nicht aus moralischen Prinzipien oder unmittelbaren Beobachtungen abgeleitet sind, um moralische Wahrheiten zu erkennen oder moralische Reaktionen zu entwickeln (The Britannica Dictionary, o. J.-a).
In Theorie der Antizipation (Rosen, 2012, S. 370) nehmen Ethik und damit auch Verantwortung eine essenzielle Position in antizipatorischen Systemen ein, weil ein Vorhersagemodell einen nahezu ethischen Charakter annimmt, selbst in einem absolut abstrakten Kontext.
6. Praxis
Das Nachdenken über die Zukunft und das Später sind Kernbestandteile von Verantwortung in allen Entscheidungsfindungsprozessen. In spezifischen Zukünfteprozessen gibt es üblicherweise eine oder mehrere Personen, die verantwortlich für die Gestaltung der Prozesse und Aktivitäten sind, welche Pluralität und Imagination einladen und Teilnehmenden ermöglichen neue Fragen zu stellen und ganz Neues zu erkunden. Auch gibt es hier die Verantwortung gegenüber den Gastgebenden eines solchen Prozesses (z.B. eines Zukünftelabors) sowie gegenüber den Teilnehmenden, der Prozessbegleitung selbst und auch denen, die sich nicht im Raum befinden. Diese Verantwortlichkeiten gelten unabhängig von Methoden und Gestaltungsprinzipien, die im Prozess Anwendung finden.
Miller (2018, S. 55) erklärt, dass von Fachleuten durchgeführte Prozesse oder Methoden zur Stärkung der Zukünftebildung Formen der Rechenschaftspflicht erfordern, die für den Bereich der Zukünfteforschung als Ganzes möglicherweise ungeeignet sind – wie beispielsweise die Verantwortung gegenüber Kunden und Studierenden sowie Grundlagenforschung.
Die Fallstudien aus Transforming the Future spiegeln eine Auseinandersetzung im Kontext von Zukünftelaboren mit individueller Verantwortung oder individuellen Handlungsmöglichkeiten (S. 150), Verantwortung in Machtpositionen bzw. durch Autoritäten (S. 157) sowie soziale Verantwortung (S. 207).
Terminologin: Lilly Herde
Literaturverzeichnis
Bell, W. (1993). Professional ethics for futurists. Futures Research Quarterly.
Bell, W. (1997). Foundations of futures studies. 2: Values, objectivity, and the good society.
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Frankfurt, H. G. (1969). Alternate Possibilities and Moral Responsibility. The Journal of Philosophy, 66(23), 829. https://doi.org/10.2307/2023833
Fuller, T., Roubelat, F., Ward, A. K., Heraclide, N., Marchais-Roubelat, A. (2024). Responsible futures. In R. Poli (Ed.), Handbook of Futures Studies (pp. 259–279). Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781035301607.00026
Jonas, H. (1984). Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1979
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Rosen, R. (with Kineman, J. J., Nadin, M., & Rosen, J.). (2012). Anticipatory systems: Philosophical, mathematical, and methodological foundations (2nd edition). Springer.
Schmidt, I. (2021). Die Kraft der Verantwortung: Über eine Haltung mit Zukunft. Edition Körber.
Slaughter, R. A. (1999). Professional standards in futures work. Futures, 31(8), 835–851.
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Tuomi, I. (2018). Ontological Expansion. In R. Poli (Ed.). Handbook of Anticipation (pp. 1–35). Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-319-31737-3_4-1
Wikipedia Deutsch. (o. J.-a). Verantwortung. Abgerufen https://de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung
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